Man öffnet die Augen

Man öffnet die Augen, blickt in die Einsamkeit hinein, durch die Dinge hindurch in seine eigene unerträgliche, vertraute Einsamkeit hinein. Man durchschaut die Welt, indem man sich in seine Verzweiflung stürzt. Ohne darüber nachzudenken. Man öffnet die Augen, weiter nichts. Man erwacht aus dem Schlaf und beginnt zu träumen. Was bedeutet das? Bloß nicht darüber nachdenken. Es bedeutet nichts, ob man träumt oder nachdenkt oder bloß die Augen öffnet. Ob man schläft. Es bedeutet nichts, außer dass der Versuch, in die Welt hinein zu erwachen, misslingt. Man öffnet die Augen, aber was man sieht, ist nichts als die eigene Einsamkeit, die Unfähigkeit, in der Welt zu sein.

Kaum zu glauben

Kaum zu glauben, dass ein Tag dem anderen folgt, es ist so sinnlos, so entmutigend, neu zu beginnen, nachdem man alles gegeben hat. Wir schreiten munter voran mit dieser Sinnlosigkeit als Gepäck und wundern uns, dass wir nicht vom Fleck kommen. Was macht uns eigentlich zu dem, was wir sind: diese Sinnlosigkeit oder unsere Verwunderung darüber? Oder ist es unser Trotz, der angesichts unseres Tretmühlendaseins ein fröhliches Lied anstimmt?

Meine Spuren im Schnee

Meine Spuren im Schnee, wohin ich auch gehe, sie führen von mir weg. Ich verschwinde nicht, ich entferne mich nur. Ich sehe mir nach wie ein Fremder. Vergiss nicht, rufe ich noch, dass wir alles tun können. Alles. Ich weiß nicht, ob ich es höre, der Schnee verschluckt meine Worte. Vielleicht, wer weiß, begegnen wir uns am Ende der Reise. Vergiss nicht. Alles. Meine Stimme fällt wie der Schnee aus den Wolken, begräbt mich unter einem weißen Laken aus Stille und Vergehen. Unschuld. Alles tun können. Spurlos.

Das war gestern

Das war gestern. Was ich verschweige, was ich in meiner hohlen Hand verberge. Mein Blick hinauf zu den Sternen. Gestern war ich dieses Kind mit grünem Haar. Diese Falte im Kleid der Morgenröte. Dieses Rätsel. Wohin verschwanden all jene, die ich nicht kenne, niemals sah? Niemals in meine Arme schließen werde. Wohin mit all der Leere, dem Gerede von Stille? All jene, die ich vergaß. Wohin? Gestern, sage ich, aber das ist nie vorbei. Was ich versäumte, während ich meinen Koffer packte. Gestern war ich der Name eines Steins auf dem Meeresgrund. Dieses Rauschen. Der Gesang im Innern einer Streichholzschachtel. All jene, die ich verlor.

Wenn die Zeit knapp wird

Wenn die Zeit knapp wird, genügt es, die Worte aufs Papier zu gießen, gedankenlos und abgedroschen. Einmal niedergeschrieben, stillen sie dennoch das Verlangen nach Ewigkeit. Das geschriebene Wort hat den Zweifel längst besiegt. Was wir zu Papier bringen, sind nicht unsere Gedanken. Es ist nicht das Produkt unseres Denkens, sondern eher eine Fluchtbewegung. Nur was unserem Denken entflieht, kann sich in der Wirklichkeit des Geschriebenen manifestieren. In diesem Sinne wird die Zeit immer knapp. Mein Schreiben kommt niemals zur Ruhe. Es ist dieses gejagte Wild, dieser gehetzte Blick. Ewig auf der Flucht. Atemlos. Gedankenlos. Ohne jeden Zweifel.

An manchen Tagen

An manchen Tagen ist dein Schweigen unerträglich, so verletzend, was du nicht aussprichst, in dir begräbst wie eine lästige Erinnerung. Nicht deine Abwesenheit ist es, die mir zu schaffen macht, nicht dein Verstummen in der Ferne. Ich rufe dich, aber wie in einem Traum, der dich nicht erreicht. Meine Stimme ist ohne Halt, und aus dem Traum gibt es kein Erwachen. Meine Worte strecken sich dir entgegen wie die Hand eines Ertrinkenden. Die Gleichgültigkeit, mit der du meinem Blick ausweichst. Deine Sorglosigkeit, die mich anlächelt. Deine Unfehlbarkeit.

Nur wenige Schritte

Nur wenige Schritte bis zum Ziel oder bis zum Sturz in den Abgrund. Die Brotkrumen auf dem Weg ins Vergessen. Nacht. In tiefem Schlummer: die Tierwelt meiner Sprachlosigkeit. Nur das Rauschen in meinem Kopf. Die Brandung eines Ozeans, der mich verschlingt. Ein Leben lang. Woran sich erinnern, wenn die Welt sich in Tränen auflöst? Wovon sprechen im Innern des Schweigens? Sterbend bin ich die Tiefe dieses Ozeans. Ich bin die Stille, der freie Fall in völliger Dunkelheit. Das Rauschen. Diese Wolke unter der Haut des Schlafes.

Wie Seifenblasen

Wie Seifenblasen: deine bunten Lippen, so kühn. Deine Stimme zerbricht unter meinen Küssen. Dein Lachen. Du wirst es überleben. So wenig zu erzählen zwischen Nacht und Tag, nur Staunen, während das Glück um uns her kälter wird, greifbar. Wir sollten es nicht bemerken, sollten uns abwenden. Wir sollten lebendig sein, rechtzeitig auf der anderen Straßenseite. Du schüttelst den Kopf, dein Haar: ein Ameisenhaufen, der mein Herz umklammert. Eine schwarze Flamme irgendwo am Himmel über der Stadt. So stolz und verloren: deine Lippen, so blass: unsere Verabschiedung der Ewigkeit.

Traum von einer menschenleeren Straße

Traum von einer menschenleeren Straße. Kein Laut, der das spärliche Sonnenlicht aufstört, keine neugierigen Blicke. Niemand brüllt meinen Namen. Erinnerungen wie fernes Wetterleuchten, bedrohlicher Frieden gegen Abend. Das verlassene Auto mitten auf einer Kreuzung, seit einer Ewigkeit unterwegs in die Bedeutungslosigkeit. Wie es scheint, komme ich jeden Tag hierher, angezogen von den Schrecken der Stille, bewaffnet mit Schweigen. Und doch bin ich bloß eine Erscheinung am Rande dieser Szene, ein Fremder im Reich der Toten, unerwünscht, menschlicher Makel inmitten der Schatten. Nur ein hässlicher Fleck auf dem Mantel des Vergessens.

Wohin das führt

Wohin das führt, kann ich nicht sagen, es führt zu nichts, es führt in die Irre, zurück an den Anfang, an den Ursprung, in die Irre, zurück in die Endlosigkeit, die Langeweile. Ist es denn möglich, kein Ziel zu haben? Ist es möglich, ohne ein Ziel überhaupt zu beginnen? Ist es möglich, ohne Poesie zu sein? Die Worte sind ohne Bestimmung, verlieren sich, verschwenden ihre Bedeutung. Richtungslos verströmen sie ihren Gesang, ganz ohne ein Verlangen. Regentropfen in der verborgenen Schatzkammer der Stille. Ich beginne damit, einen Vogelkopf in die Luft zu zeichnen, und doch werde ich niemals fliegen können.

Eine Stimme aus der Ferne

Eine Stimme aus der Ferne, irgendwo in mir. Das Bild einer Landschaft, farblos – bin ich jemals hier gewesen? Der wortlose Gesang eines Engels, so vertraut – ich kann mich nicht erinnern. Fremde Gesichter sehen mich an, lächeln, erstarren. Ich bin nicht der, den ihr sucht, an den ihr euch erinnert. Ohne Namen, wie diese Stimme, ein sterbender Vogel, der sich an Wolken klammert. Keine Worte, nicht einmal Töne. Kein Mensch, der zuhört, der sich kümmert, der den Atem anhält. Lebendig begraben, diese Stimme, unter den Trümmern meiner Einsamkeit.

Worte auf der Flucht

Worte auf der Flucht. Was ich schreibe, entfernt sich von mir, bis es meiner Kontrolle entkommen ist. Was ich schreibe, zerstört mich – so einfach ist das. Aber natürlich zerstört es nicht meine Existenz, sondern lediglich die Bequemlichkeit, mit der ich meine Existenz zur Schau stelle. Meine Worte schneiden mir nicht ins Fleisch, sie zerstückeln nur die Vorstellung, die ich von mir habe. Flucht deshalb, weil sie ohne Ziel sind, zugleich ohne Herkunft. Die Bedeutung der Flucht liegt in ihrer Kraft, Herkunft und Ziel gleichermaßen zu negieren. Die Worte entfernen sich, kommen niemals an.

Die Augen schließen

Die Augen schließen, nichts sehen, die Welt verdunkeln, nur für einen Moment. Die Uhr anhalten, einige Sekunden lang, die Zeit, das verwöhnte Schoßhündchen des Schicksals. Oder einfach umkehren, ohne zu zögern, ohne einen Blick zurück nach vorn dem Morgen die kalte Schulter zeigen. All die Engel am Wegesrand, klagend oder aber bloß erstaunt, höflich vielleicht, die geheuchelte Aufmerksamkeit falscher Tränen. Ich wische den Gedanken beiseite. Ein Vogelschwarm huscht über meine Zunge: Worte, schwarze Schatten.

Hinter dem bekannten Gesicht

Hinter dem bekannten Gesicht: ein Fremder, meine Stimme, irgendwo über den Wolken. Mein Herzschlag im Sinkflug, ohne Eile dem Tod entgegen. Die Treppe ist dort drüben, jede Stufe ein anderes Leben. Du bist der, der da ist: am anderen Ende des Tunnels. Schritte durchs Feuer. Meine Gedanken spiegeln sich in deiner Abwesenheit. Der Mond so nah, die Sterne wie zerbröselte Kekse. Ich erkenne dein Schweigen in meinem Mund, den Schlaf auf deinen Lippen, dein Leben in meiner Hand. Unmöglich, dich zu finden, dein Lächeln, auf der Überholspur.

Aus der Ferne

Aus der Ferne das Flüstern einer Wolke: es ist schon spät – ich bin mir nicht sicher, ob ich es richtig verstehe, es ist vielleicht schon zu spät – dazwischen liegen Welten, nichts ahnend, unschuldig. Obwohl die Nacht erst beginnt, ist sie fast schon wieder vorbei. In meiner Vorstellung klingt das nicht wie ein Widerspruch – es ist anders gar nicht denkbar. Im Halbschlaf erzähle ich von meinen Heldentaten. Es ist der Übergang von Tag und Nacht, Nacht und Tag, der mein Denken anstößt. Diese Wolke in der Ferne, das Flüstern. Es ist mein Denken, das spät dran ist, zu spät, auf dem Weg durch die Welt – zu mir.

Auf den Schwingen eines Schreis

Auf den Schwingen eines Schreis: meine Ungeduld. Voller Tatendrang stürze ich mich ins Mauseloch der Zukunft, umweht von den Gerüchen meiner imaginären Kindheit. Nichts weiter als eine hohle Gebärde. Dieser Schrei nichts weiter als ein Räuspern. Verschworen sind wir, du und ich, gemeinsam auf Abwegen, von denen wir nichts ahnen. Wir zerbrechen uns nicht den Kopf, klammern uns nicht an die lichten Augenblicke unseres Bewusstseins. Nein. Wir atmen mit den Füßen, stolpern, wo wir uns unserer Sache sicher sind. Unser Denken ist wie ein Schluckauf. Wo wir hinspucken, wächst kein Gedanke mehr. Welche Verschwendung.

Im Boden versinken

Im Boden versinken, nicht vor Scham, sondern weil es so leicht ist, schwer zu sein. Diese Erde trägt mich nicht mehr. Ich gehe unter, während ich dir in die Augen sehe, ganz ruhig, als würde ich aus dem Fenster blicken – auf eine leblose Landschaft. Ich bin zu weit gegangen, zu weit in dieser Ausweglosigkeit, Wanderer ohne Gesicht. Niemals heimgekehrt. Rastlos. Niemals fort gewesen. Ich trete auf der Stelle, bis ich schließlich versinke – so leicht, so schwerelos. Liebliche Tiefe.

Aus Feuer gemacht

Aus Feuer gemacht, dem Vergessen übergeben – was bleibt vom Menschen, wenn der Tag sich dem Ende neigt. Was bleibt von mir, wenn das letzte Wort geschrieben ist, der letzte Gesang verhallt? Was bleibt, wenn nichts mehr ist, wie es war? Im Wasser geboren, von Anfang an ein Ertrinkender. Weit geöffnet, die Augen eines Fisches, mit dem Kussmund voran ins Unsichtbare, blind, im Fahrwasser des Lichts. In Dunkelheit getaucht seit Anbeginn des Lebens unser Blick in den Spiegel.

Zum Schluss kommen

Zum Schluss kommen, dachte ich, als ich diesen Berg bestieg, am Ende sein, jetzt und hier, seelenruhig außer Atem, endlich aufhören, dachte ich, weiter geht es nicht mehr. Zuerst aber muss man den Gipfel erreichen. Es gibt kein Zurück, man kann nicht einfach umkehren, als sei nichts gewesen, nicht einmal sich umdrehen für einen flüchtigen Blick. In Wirklichkeit verschwindet, was wir hinter uns lassen, so als hätte es immer nur das gegeben, was vor uns liegt. Ich selbst bin dieser Gipfel, fast greifbar, und doch scheint es, als würde ich mich mit jedem Schritt enfernen. Ohne Herkunft bin ich, komme aus dem Nichts, mein Weg ist diese Atemlosigkeit, mein Ziel so unerreichbar nah.

Nichts Neues

Nichts Neues unter der erloschenen Sonne. Noch immer dreht sich die Welt, schwerfällig wie ein Mühlrad, unaufhaltsam, könnte man meinen, wenn längst schon alles zum Stillstand gekommen ist. Die ewige Wiederkehr in deinem erstarrten Lächeln, über Nacht versteinert, Fossil eines verlorenen Frohsinns. Unaufhaltsam der Stillstand immer wieder aufs Neue. Nichts kommt zurück, da niemals etwas fortgeht, nichts und niemand. Du bist da, im Verschwinden begriffen, beinahe geschwätzig, wie du dich abwendest, zu Staub zerfällst, die gute Laune deines Herzschlags verklungen, eine Ewigkeit ist das her. Nichts bleibt, wo niemals etwas gewesen ist.