Vor Sonnenaufgang

Vor Sonnenaufgang, in die Schwärze der Nacht gehüllt, das zarte Licht eines neuen Tages, zerbrechlich noch, scheu – und doch voller Wärme. Ein Zweig, der sich biegt unter der Last meiner Gedanken, so schwer wie flüchtig. Der Schatten eines Vogels zwischen den Zeilen meines Schweigens. Kein Laut auf meinen Lippen, kein blutendes Herz in meiner Hand. Kein Ausweg aus dem Labyrinth des Schlafes.

Kennst du das Land

Kennst du das Land, wo du gestorben bist? Wo die Sonne aufgeht, als sei alles bloß ein Kinderspiel, wo früh am Morgen Nebel durch die verschlafenen Straßen der Stadt zieht wie das Lied eines Betrunkenen. Vögel auf den Dächern der Häuser, gefangen im Traum von schwereloser Ferne. Wo es bei Einbruch der Nacht Licht aus halb geöffneten Fenstern regnet. Worte, Musik einer unbewohnbaren Welt. Man sieht dem Tod nicht in die Augen, ohne zu erblinden. Und man steigt nicht ins Wasser, um an der Oberfläche zu bleiben. Ich tauche ein in den Gesang der Vergänglichkeit, hier, wo die Zeit stillsteht.

Nacht

Nacht in deinen Augen, die mich ansehen, als wäre ich längst gestorben. Die dunkle Melodie deines Lächelns, das an mir zweifelt, während es mir Trost spendet. Zärtlichkeit deiner Finger, die nur vorgeben, mich zu berühren, den Unberührbaren. Sicherlich hast du Recht. Wirklich ist an mir nur mein Tod oder vielmehr meine Sterblichkeit. In deiner Nähe drohe ich zu verschwinden.

Stille Nacht

Stille Nacht unter freiem Himmel, eingesperrt in die Ewigkeit, das farbige Rauschen der Finsternis. Für einen Moment der Welt abhanden gekommen – wie ein Schrei, der ungehört verhallt. Und doch beide Füße auf festem Grund, mit einem Zugvogel im Herzen, der mir die Ferne zuflüstert, das Unbekannte hinter dem Gartenzaun. Tief verwurzelt in der Wirklichkeit, den Blick zu den Sternen erhoben. Träume im Exil, die geheimen Wünsche im Brunnen.

Schritte

Schritte, die sich entfernen, bis sie im Dunkel der Nacht verstummen. Gesichter, die man nicht erkennt, weil ihnen der menschliche Schimmer abhanden gekommen ist. Namen, die sich – noch während man sie ruft – in Luft auflösen. Ein Vogelschwarm in den Wolken, die gespitzten Lippen der unsichtbaren Sonne – kein Tag, der mich nicht belügt, keine Stunde, die mir nicht die Augen verdreht, keine Nacht, die mir nicht meine Träume stiehlt, meine farblosen Tränen. Schritte, die sich nähern – bis sie mich unter sich begraben. Die Rückkehr des Schlafes.

Fremdes Blut

Fremdes Blut in meinen Adern – oder zumindest das Blut eines Menschen, der ich nicht bin, nicht sein will. Ein anderes Leben unter meiner Haut, beängstigend und erfrischend zugleich, verstörend und besänftigend wie eine unsichtbare Stimme, die mich in den Schlaf singt. Heilsam und Verderben bringend wie die Dunkelheit, die sich in mein Herz schleicht, um Träume zu gebären. Nacht auf meinen Augen, mein Denken bloß noch ein Rauschen, der niemals endende Schrei eines Sterbenden.

Dunkelheit

Dunkelheit in meinen Augen, nicht bloß der gewöhnliche Einbruch der Nacht, eher wie eine blasse Erinnerung an das schwindende Licht. All die unsichtbaren Dinge, von denen ich weiß, dass sie nach mir greifen, all das im Schatten Verborgene, all das Unbekannte, das Ungeahnte. Irgendwo dort endet diese Welt, erlischt die Flamme des Wirklichen – mein Leben, das ich für unzerstörbar hielt in ungezählten Momenten übermütigen Glücks. Die letzte Wahrheit wie eine sterbende Funzel in meiner ausgestreckten Hand – zu weit: keine Rettung in Sicht.

Ans andere Ufer

Ans andere Ufer, mitten in der Nacht, der Finsternis entgegen. Wortkarg der Fährmann, einem düsteren Traum entstiegen, ganz ohne Gesicht im spärlichen Schein einer flackernden Funzel. Das kalte Wasser umschmeichelt die Dürre meiner Gedanken – was nur will ich dort, auf der anderen Seite? Jetzt. Um diese Zeit. Von einem Schatten lasse ich mich ins Ungewisse führen, dorthin, wo ich mich verliere.

Der geschenkte Tod

Der geschenkte Tod in einer Plastiktüte – wie gerade eben frisch eingekauft im Supermarkt um die Ecke. Nein, es ist nicht einfach diese schicksalhafte Erkrankung, die uns Nacht für Nacht den Schlaf raubt, dieser unabwendbare Unfall, der aus dem prallen Leben ein Häufchen Elend macht, nein, es ist nicht bloß diese zum Himmel schreiende Tragödie mit einem Ahnungslosen in der Hauptrolle. Es ist das Unbegreifliche, das uns in die Hand gedrückt wird wie ein Zollstock, mit dem wir unser Leben vermessen. Dieses Unscheinbare, das wir in der Ecke abstellen, um es für immer zu vergessen. Dieses Unnötige, das wir uns wie ein Schmuckstück um den Hals legen, bevor wir uns zum Sprung entschließen.