Zum Trost ein paar Worte, die nichts sagen – als würde man jemanden umarmen, der nicht da ist. Ohne Sinn und Bedeutung, um sicher zu sein, dass jeder es versteht. Leise, fast geflüstert, kaum dass ein Laut über die Lippen kommt – um bloß nicht die Toten aufzustören. Die Abwesenden, Verschwundenen, deren Lachen bloß noch als Schmerz gegenwärtig ist. Deren Fröhlichkeit im Blut einer untergehenden Sonne ertränkt wurde. Die Verlorenen auf ihrer Flucht vor dem sinkenden Stern, der alle Hoffnung in Brand setzt. Worte, die nichts und niemanden erreichen, kraftlos, an der Schwelle zu Stille.
Schlagwort: Sonne
Kennst du das Land
Kennst du das Land, wo du gestorben bist? Wo die Sonne aufgeht, als sei alles bloß ein Kinderspiel, wo früh am Morgen Nebel durch die verschlafenen Straßen der Stadt zieht wie das Lied eines Betrunkenen. Vögel auf den Dächern der Häuser, gefangen im Traum von schwereloser Ferne. Wo es bei Einbruch der Nacht Licht aus halb geöffneten Fenstern regnet. Worte, Musik einer unbewohnbaren Welt. Man sieht dem Tod nicht in die Augen, ohne zu erblinden. Und man steigt nicht ins Wasser, um an der Oberfläche zu bleiben. Ich tauche ein in den Gesang der Vergänglichkeit, hier, wo die Zeit stillsteht.
Ins Licht
Ins Licht die Gedanken wie der Blick eines Blinden, dem die Finsternis falsche Versprechen zuflüstert. Der Sonne entgegen, aber nur auf dem Papier – doch was könnte wirklicher sein? Die Dunkelheit der Welt ist mein Zeuge. Niemand hört zu, niemand fragt danach, niemand bemerkt es – und doch ist alles anders. Urplötzlich an der Oberfläche, was verborgen war, und aus den Augen, woran wir uns festhielten. Nun erst ist der Weg frei, da wir uns nicht mehr auskennen.
Frisch gewaschen
Frisch gewaschen auf dem Weg in die Stadt Gottes, unschuldig wie ein Stück Seife. Nur schnell das weiße Gewand übergeworfen und auf den fahrenden Zug gesprungen. Oder einfach nur über die Schwelle geschritten, vielleicht die Leiter hinauf. Alle Wege führen zu dir. Hell erleuchtet von Hoffnung und Zuversicht, wie eine Sonne, die zu den Menschen herabsteigt, still und überwältigend – wie ein Gewitter auf Zehenspitzen: das reinste Verderben.
Reise zur Sonne
Reise zur Sonne, mit dem Kopf voran ins Licht, die Augen weit aufgerissen, um auch nicht einen einzigen Moment zu versäumen. Mit dem Kopf voran, das heißt in Gedanken. Nur so ist es zu ertragen. Eintauchen in den Stern, der dich gebar – ohne zu zögern, ohne einen Blick zurück. Hast du Angst? Brennen wirst du: ein Fünkchen Wahrheit, von der niemand jemals erfahren wird. Nichts wird mehr an dich erinnern, nicht eine Handvoll Staub, doch das ist nicht von Bedeutung. Der Tod selbst ist machtlos im Vorgarten Gottes. Endlich angekommen in dieser Welt ohne Schatten.
Am Anfang
Am Anfang ist die Schwermut, wie eine schwarze Sonne über allem, was am Boden kriecht. Die Dunkelheit in den Gesichtern der Ausgestoßenen. Das unterirdische Grollen in der Ferne. Das Flüstern und Tuscheln in den Katakomben unter der Stadt. Am Anfang ist nichts als die Ungeduld. Das Flimmern des Asphalts an einem heißen Sommertag. Eine unwillkürliche Bewegung meiner Hand, das Zittern meiner Wimpern beim Anbruch der Nacht, das Schweigen der Sterne hinter den Wolkentürmen. Mit dem Sturm kehrt die Ruhe zurück, das erstickte Lachen der Götter.
Weit entfernt
Weit entfernt von aller Tragik, von allem Schicksal, das die Menschen in die Nähe des Göttlichen rückt. Mit beiden Beinen auf dem Boden, dem Irdischen verhaftet, mit Gräsern auf Augenhöhe, nicht mit den Wipfeln der Bäume. Alle Tränen getrocknet, alles Blut, schwarz wie die verkohlte Sonne in meiner hohlen Hand. Alle Freuden ausgekostet, alle Feuer erloschen. Mit winzigen Schritten um die Welt, die so sehr geschrumpft ist, dass sie in meine Hosentasche passt. Himmel ist bloß noch ein Wort mit schalem Nachgeschmack. Man spuckt es aus und kaut weiter.
Frohe Botschaft
Frohe Botschaft aus den Untiefen des Herzens: dieses Leben ist noch nicht am Ende. In manche Winkel meiner schmucklosen Behausung verirrt sich das Sonnenlicht wie der Gesang eines Vogels: tröstlich in seinem unverhofften Glanz, den mir die Schwingen der Vergänglichkeit zutragen. An solchen Tagen öffnen sich die Augen wie Blumen, verschlafene Boten des Frühlings an den Steilhängen der Zeit. An solchen Tagen schließen sich Kreise, Märchen werden wahr: endlose Geschichten der Freude und des Friedens. Noch schlägt dieses Herz – wie ein Hund mit dem Schwanz wedelt.
Tanz der Schatten
Tanz der Schatten in völliger Finsternis. Was ich sehe, ist die Abwesenheit des Sichtbaren, so überflüssig all die Bewegungen, von denen vielleicht noch ein Fußabdruck in der Zeit bleibt. Es ist die Sonne in deinen Augen, die nach Schlaf ruft, nach ewiger Ruhe mitten im Sturm. Es ist das Lächeln auf deiner Stirn, den Wolken so nah, der Unnachgiebigkeit eines menschenleeren Himmels. Es sind deine Füße, die mich an die Wahrheit des Tanzes glauben lassen – eine Wahrheit, die mich mit Füßen tritt. Die Schatten in deinem Herzen, jener unsichtbaren Flamme entsprungen: kälter als das einzige Wort, das deine Lippen öffnet – für immer dem Irrtum verschrieben.
Meine Rückkehr von den Sternen
Meine Rückkehr von den Sternen in eine Welt, die mir fremd geworden ist, seit ich sie verließ. Es kommt mir vor, als wäre ich nur wenige Tage fort gewesen, in Wahrheit ist es ein ganzes Menschenleben. Nichts ist mehr, wie es war, nichts, wie ich es kannte, selbst die Sonne glüht nun in einer anderen Farbe oder vielmehr: in einer anderen Tonart. Menschen sehen mich an wie ein Relikt aus längst verblassten Träumen, sehen durch mich hindurch wie durch eine Erinnerung, die ihnen im nächsten Moment entgleitet. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache mehr, mein Flüstern wird in euren Ohren zu Geschrei, mein Rufen verhallt ungehört – fast wie im luftleeren Raum. Vielleicht bin ich gestorben, irgendwann, auf meiner Reise durch die Dunkelheit. Meine Rückkehr: bloß der letzte Gedanke einer Leiche im Exil.