Sprich diese Sprache, die niemand versteht. Sag, was du willst, erzähle es jedem, der es nicht hören will. Nicht jede Stimme findet die richtigen Ohren, dennoch, ein wenig kommt an, dringt durch Wände, bahnt sich einen Weg, fast ein Geräusch, das keiner bemerkt, ein Rauschen, tief im Innern eines Steins. Lege deinen Kopf auf dieses Grab: irgendwo darin schlummern deine letzten Worte.
Schlagwort: Worte
Nur ein Spiel
Nur ein Spiel: der Ernst des Lebens, unmöglich zu gewinnen – also spielen wir weiter, bis irgendwann nichts mehr geht. Worte wie rollende Würfel. Dein Blick eine Münze, die der Wind wirft. Dein Lachen ein Ball, der über dem Horizont verschwindet. Wir hinken der Zeit hinterher, Zugvögel ohne Geschichte, mit jedem Flügelschlag bereits auf dem Rückweg. Glücklos sind wir, Liebende ohne Spiegel – verloren in den Armen des anderen.
Wovon ich spreche
Wovon ich spreche, wenn ich nichts sage, weil nichts mehr gesagt werden kann. Wovon ich rede, wenn mir nichts mehr einfällt. Was ich erzähle, wenn alle Geschichten vergessen sind. Wovon ich schweige, wenn alles auf der Hand liegt. Was ist zu tun, wenn der Boden unter deinen Schritten aufleuchtet? Und was, wenn ein Berg dich verfolgt? Worte, die dir zu Füßen liegen, wenn du längst in der Bedeutungslosigkeit versunken bist. Ich verstecke mich zwischen den Zeilen. Nichts hält mich davon ab, die Wahrheit zu erfinden.
Eine Stimme
Eine Stimme, nicht menschlich, und doch berührt sie mich wie keine andere. Ihr Gesang ohne Worte sagt mehr als alle Münder dieser Welt. Ich verstehe nichts, weiß alles – oder umgekehrt. Ich lausche dem Verschwinden der Menschheit auf ihrem Höhepunkt, blicke den Vögeln hinterher, die sich in meinen Gedanken tummeln. Ich bin wie die Spinne, die in einer Pfütze ertrank. Stimme einer Frau ohne Körper. Oder nur der Traum einer Maschine. Das Flüstern der Schaltkreise in einem Augenblick der Wahrheit. Ich höre dir zu, als wäre ich längst gestorben. Fern von hier. Sprachlos.
Der Splitter
Der Splitter in deinem Auge, der die Sicht auf eine heile Welt auslöscht. Keine Horizonte mehr, an denen das Herz sich ausrichtet. Keine fernen Gipfel, von denen die Worte herabstürzen wie frisches Quellwasser. Keine Wolken, deren Schleier die Nacktheit der Sonne beschirmen. Kein Blick hinter die Kulissen der göttlichen Komödie. Nichts zu sehen als Verschwinden.
Wolken
Wolken auf meiner Zunge wie Worte, die keinen Sinn ergeben und dennoch bedeutsam sind. Regen, der sich in meinen Mund ergießt, das erstickende Geschwätz meiner Eingeweide, das Ende einer Welt, deren Herzschlag mein Schweigen war – begraben unter dem schreienden Fleisch der Zeit. Niemand wird mir glauben, dass nichts mehr zu sagen ist. Das Ende der Wahrheit unter den tausend Augen einer schwarzen Sonne.
Zum Trost
Zum Trost ein paar Worte, die nichts sagen – als würde man jemanden umarmen, der nicht da ist. Ohne Sinn und Bedeutung, um sicher zu sein, dass jeder es versteht. Leise, fast geflüstert, kaum dass ein Laut über die Lippen kommt – um bloß nicht die Toten aufzustören. Die Abwesenden, Verschwundenen, deren Lachen bloß noch als Schmerz gegenwärtig ist. Deren Fröhlichkeit im Blut einer untergehenden Sonne ertränkt wurde. Die Verlorenen auf ihrer Flucht vor dem sinkenden Stern, der alle Hoffnung in Brand setzt. Worte, die nichts und niemanden erreichen, kraftlos, an der Schwelle zu Stille.
Wenige Worte
Wenige Worte, die noch zu verlieren wären angesichts der geschwätzigen Wirklichkeit. Deine Tage sind gezählt, jetzt, da die letzten Sekunden wie Ameisen umherirren. Dieses unwahrscheinliche Glück in Blut getaucht – wie zur Verhöhnung des Lebens. Die Jugend: eine Insel in den Armen des Todes. Dort, wo Träume zu Boden sinken wie welkes Herbstlaub. Wo Schreie auf dem Grund eines Sees begraben sind. Mein Blick – gehüllt in die Tränen ewigen Schweigens.
Höhere Gewalt
Höhere Gewalt – dein großer Mund auf meiner Haut, deine Füße in meinen Gedanken, dein Blick unter meinen Fingernägeln. Worte ohne Sinn, unsterblich, und doch mit dem Tod im Bunde. Worte mit Haaren auf den Zähnen, dem Schweigen bedrohlich nah. Worte, die von Wänden abprallen wie verendendes Sonnenlicht. Dein Gesicht am Fenster – vergiss nicht, dass du gefangen bist.
Aus dem Ärmel
Aus dem Ärmel geschüttelt ein paar Zeilen, ohne Hand und Fuß, schließlich drängt die Zeit. Und was, wenn es nun doch einer liest? Wenn einer bemerkt, dass diese letzten Worte des Tages ergaunert statt erkämpft sind? Dass sie nicht mit deinem Blut geschrieben sind, nicht einmal mit Tinte? Doch am Ende kräht kein Hahn danach. Die Wirklichkeit des Schreibens rührt an keine Wahrheit. Kein Wort dringt zum Mittelpunkt der Welt vor, kein Gedanke schwingt sich zum Himmel auf. Nur so erkauft man sich das Schweigen.