Hals über Kopf

Hals über Kopf in die Tiefe deines Lachens, dem Sturzflug eines Engels gleich, göttlicher Allmacht entsprungen, bloß um Mensch zu sein, Liebender, sterblich. Ein unbeschriebenes Blatt im Sturm – fast ein Abschiedsbrief, der drohenden Vernichtung entrissen, nackt wie ein erster Sonnenstrahl am Ende des Winters. Die kraftlose Schönheit des gesenkten Blicks, der die Wahrheit nicht aushält. In deinen Augen bin ich nichts weiter als ein Schatten, ein schwarzer Fleck auf der Unschuld des Himmels, verstoßen aus dem Brutkasten ewiger Seligkeit.

Meine Abwesenheit

Meine Abwesenheit. Ich berichte aus dem Inneren eines lautlosen Krieges, dessen tödlichste Waffe das Schweigen ist. Vielleicht bin ich dir nah, während all das vergeht, was eben noch Wirklichkeit war. Mit der Zuversicht eines Unsterblichen bin ich der Welt abhanden gekommen. Schlafende Schöne, niemand wird dich wecken, nicht die leiseste Ahnung kann einen Schatten auf deine Stirn werfen, kein Lächeln auf den Lippen, keine Rettung in Sicht. Ich wende mich ab, ungerührt, blutend, gleichgültig wie ein Seufzer des Windes am Straßenrand.

An guten Tagen

An guten Tagen springe ich über meinen eigenen Schatten. Ich durchtrenne die Nabelschnur des erinnerten Lebens, schnappe nach Luft wie eine Blume. Ich verlasse diese Welt lachend, unbemerkt. Die Erde dreht sich, als hätte es mich nie gegeben. Keine Reue oder Schuld. Ich laufe davon, weil mich nichts mehr hält. Keine Menschenseele. An guten Tagen bin ich ein Sonnenstrahl in den Tiefen des Meeres – wie aus einer anderen Zeit, haltlos und doch gefangen im Rauschen einer Muschel.

Nicht der Rede wert

Nicht der Rede wert, was die Schatten flüstern – sie wissen nichts von der Schattenwelt, die sie bevölkern, sie ahnen nicht einmal, dass sie Schatten sind, ihre Worte aus Dunkelheit geflochten. Wer ihnen zuhört, lauscht dem Rauschen seines eigenen Blutes. Erzählungen aus vergangenen Zeiten in einer Welt, in der Zeit keinen Sinn macht, Geschichten aus einem Reich ohne Geschichte. Die Schatten selbst sind Worte auf der Suche nach Bedeutung. Wer sich ihnen hingibt, bleibt sprachlos zurück, ein sterbender Stern in der Schwärze der Nacht.

Leise Schritte

Leise Schritte durch den leeren Raum meiner Bewusstlosigkeit – nur keine schlafenden Hunde wecken, die Wächter des Glücks, nirgends anecken, keinen Staub aufwirbeln. Auf dünnem Eise mein Traum vom nahenden Frühling. Wenn ich erwache, ist die Welt erstarrt. Mein Atem erstickt die Flammen der Morgendämmerung, mein Blick zermalmt die zaghaft knospende Stimme der Zuversicht. Schatten auf meinen Lippen, Worte, die zu Asche wurden im Moment ihrer Geburt. Ein lauer Wind murmelt meinen Namen – ein lächelndes Kind, das gedankenlos den Tag verflucht.

Kein Erwachen

Kein Erwachen aus dieser Wirklichkeit. Man öffnet nicht einfach die Augen und beginnt von vorn oder macht da weiter, wo es nicht wehtut. Dieses Leben ist nicht verhandelbar – unumstößlich, was geschehen ist, unbeirrbar, was daraus folgt. Man wendet sich nicht ab, ohne daran zugrunde zu gehen, das ist gewiss. Niemand tritt einen Schritt zur Seite, springt über seinen eigenen Schatten. Kein noch so fester Wille hält die Uhr an: diese Uhr ohne Zeiger. Vielleicht klingelt irgendwo ein Telefon – Ruf aus erlösender Ferne, unerhört. Dieses Zimmer ist seit einer Ewigkeit nicht mehr bewohnt. Am anderen Ende der Leitung: eine Warteschleife.

Ein Hauch von Müdigkeit

Ein Hauch von Müdigkeit über der Landschaft, als würde das Leben selbst sich nach Ruhe sehnen. Schlaf in den Zweigen der Bäume, Liebesgeflüster am Wegesrand, die Schwere der Schatten am Ende eines langen Tages. Von ferne das Geschrei einer Elster, ein Flugzeug am Himmel, ich weiß nicht, steigt es auf oder sinkt es, auf dem Weg in die Nacht wie eine tödliche Kugel.

Aus dem Fenster

Aus dem Fenster der Blick, ohne Halt, ohne Ruhe, rastlos auf der Suche nach einem Weg, der zurückführt ins Innere der Welt, zurück in mein erträumtes Leben. Wie ein Fremder starre ich durch mich hindurch, abwesend, gedankenlos. Der leere Blick in meine Abwesenheit. Wie ein Toter. Wohin mit all der Leere? Wohin mit all dem, das nicht ist? Das nicht einmal gedacht werden kann? Hinter einem Fenster, in einem Haus auf der anderen Straßenseite: ein Schatten. Kein Gesicht, keine Augen, keine Hände. Nur dieser graue Fleck. Nichts Menschliches. Kein Mensch, der mich beobachtet, der mich durchschaut. Nur dieses Fenster.

Gegen jede Vernunft

Gegen jede Vernunft folge ich dir. Wie ein Schatten bin ich dir auf den Fersen – du entkommst mir nicht. Mein Herz hängt sabbernd an deinen Lippen. Wie ein Sterbender berausche ich mich an allem, was du sagst oder nicht. Wie ein Idiot. Dein Räuspern noch ist mir heilig. Dein zur Gleichgültigkeit verschlossener Mund. Du bemerkst mich nicht einmal, siehst über mich hinweg, wenn ich vor dir knie. Wir könnten verschiedener nicht sein, selbst wenn wir in dieselben Fußstapfen treten.